Wie Coinbase seine Lobbymaschine aus den USA nach Europa bringt

Im Trump-Wahlkampf und für die anstehenden Midterms spendete die Kryptobörse allein 100 Millionen Dollar – und schuf eine schlagkräftige Organisation für die eigenen Anliegen. Nun mischt ein europäischer Ableger die EU auf und will Regeln für Stablecoins aufheben.
Das Wort von Brian Armstrong (43) hat in der US-Politik inzwischen durchaus Gewicht. Ein einzelner Post des Kryptomilliardärs auf X genügte jüngst, um ein ganzes Gesetzesvorhaben im US-Senat zum Stillstand zu bringen. Jetzt möchte der Chef der Kryptobörse Coinbase seinen politischen Einfluss offenbar auch in Europa vergrößern. Die Börse, in den USA börsennotiert und eines der sichtbarsten Gesichter der Branche, hat gelernt, dass Regulierung nicht nur Compliance-Abteilung ist, sondern Machtfrage.
Seit Jahresanfang rekrutiert Coinbase in Europa gezielt Unterstützer für die selbst gegründete Lobbyinitiative „Stand with Crypto“. Die Organisation mischte bereits 2024 erfolgreich im US-Wahlkampf von Donald Trump (79) mit und dürfte auch bei den Midterm-Wahlen 2026 eine zentrale Rolle spielen, wo sie – eng verbunden mit den hochkapitalisierten Spendenvehikeln der Kryptobranche – vor allem als Mobilisierungsarm dient. Sie versucht, eine kryptofreundliche Gesetzgebung zu erreichen, und Einfluss auf die Wahl konkreter Politiker zu nehmen. Das Muster ist das einer Kampagnenmaschine: Mitglieder gewinnen, Abstimmungen rahmen, Gegner als technikfeindlich markieren.
Das finanzielle Gewicht dahinter ist ausdrücklich Teil der Strategie. Allein 100 Millionen Dollar flossen in den Trump-Wahlkampf und die anstehenden Midterms – eine Summe, die in Washington als Ansage verstanden wird. Coinbase agiert dabei nicht als stiller Spender, sondern als Organisator: Die Börse schuf eine schlagkräftige Organisation für die eigenen Anliegen und koppelt Geld, Reichweite und Graswurzel-Rhetorik. „Stand with Crypto“ klingt nach Bewegung, ist aber ein Instrument des größten sichtbaren Exchange-Akteurs.
Sie hätten festgestellt, dass die Kryptobranche so groß geworden sei, dass sie sich wirklich in die Politik einmischen sollten, hat Coinbase-CEO Armstrong vor ein paar Monaten dem US-Sender CNBC gesagt. „Also bin ich nach Washington gekommen.“ Inzwischen kämpft er praktisch in Vollzeit für die Interessen der Szene. Und dabei beschränkt er sich nicht mehr auf die USA. Der Satz markiert den Rollenwechsel: vom Börsengründer zum politischen Dauerpräsenz, der Gesetzestexte so ernst nimmt wie Listings.
In der EU trifft diese Maschine auf ein anderes Regelwerk. Mit der Markets-in-Crypto-Assets-Verordnung (MiCA) hat Brüssel einen Rahmen gezogen, der Stablecoins – also tokenisierte, meist an den Dollar oder Euro gekoppelte Zahlungsmittel – ausdrücklich einhegt: Emissionsregeln, Reserveanforderungen, Aufsicht. Genau daran will der europäische Ableger von „Stand with Crypto“ ansetzen. Das Ziel, Regeln für Stablecoins aufzuheben, zielt ins Herz von MiCA. Für Coinbase sind Dollar-Coins nicht nur ein Produkt, sondern die Brücke zwischen Handelsplatz, Zahlungsverkehr und dem Anspruch, Krypto alltagstauglich zu machen.
Politisch ist das in Europa heikler als in Washington nach dem Machtwechsel. Die EU hat Stablecoins bewusst nicht als unreguliertes Geldsurrogat stehen lassen, unter anderem weil Aufsichtsbehörden systemische Risiken und die Dollarisierung des Zahlungsverkehrs fürchten. Eine US-Börse, die in Amerika mit dreistelligen Millionensummen Wahlkämpfe mitfinanziert, wirbt in Brüssel nun um Unterstützer, als ginge es um Bürgerbeteiligung. Hinter der Mobilisierung steht dasselbe Interesse wie in den USA: weniger enge Produktregeln, mehr Spielraum für das eigene Geschäftsmodell.
Ob „Stand with Crypto“ in der EU ähnlich durchschlägt wie im Trump-Wahlkampf, ist offen. Das Institutionengefüge in Brüssel ist langsamer, die Wahlkreise anders, die 100 Millionen Dollar sind ein amerikanisches, kein europäisches Instrument. Armstrong hat gleichwohl gezeigt, dass ein Post genügt, um ein Senatsvorhaben zu stoppen – und dass er bereit ist, Politik zur Vollzeitaufgabe zu machen. Europa ist für Coinbase der nächste Lobby-Markt. Stablecoins sind das erste Ziel.