WG-gesucht – die mysteriöse Macht aus Stuttgart

WG-gesucht – die mysteriöse Macht aus Stuttgart – FinanceFWD

In diesen Tagen suchen Hunderttausende Studierende ein WG-Zimmer fürs beginnende Wintersemester – und landen bei WG-Gesucht. Dahinter stecken zwei unbekannte Gründer und ein profitables Geschäftsmodell.

Der Semesterstart an deutschen Universitäten ist die Zeit der Zimmersuche. Hunderttausende Erstsemester und viele Wechselwillige suchen in diesen Wochen und bis tief ins beginnende Wintersemester hinein nach einer passenden Bleibe. Dabei kommen die Studentinnen und Studenten um eine Website nicht herum: WG-Gesucht. Das Portal ist der unangefochtene Marktführer für WG-Zimmer in Deutschland und der einzige namhafte Player, dessen Fokus darauf liegt, einzelne Zimmer statt ganzer Wohnungen oder Häuser zu vermieten.

Rund 17 Millionen Besuche verzeichnen Website und App der Firma laut eigenen Angaben pro Monat. Europaweit sind demnach mehr als drei Millionen Angebote gelistet, in den Metropolen München und Berlin ist aktuell eine vierstellige Zahl an Inseraten geschaltet. Doch während WG-Gesucht unter Studierenden in Hochzeiten vermutlich so populär ist wie Tinder oder Snapchat, bleibt die Firma dahinter bis heute ein Mysterium. Die beiden Gründer Lysander Mende (47) und Christian Frederik Steim (48) sind öffentlich quasi unsichtbar. Sie geben in aller Regel keine Interviews und machen – ganz anders als die meisten Gründer – schon gar keine vollmundigen Versprechen über irgendwelche Märkte, die sie revolutionieren oder demokratisieren wollen.

Steim hat nicht einmal ein LinkedIn-Profil, eine Bildersuche über Suchmaschinen wie Google läuft für ihn völlig ins Leere. Mende hat sich in den vergangenen Jahren lediglich mit einer Handvoll Posts öffentlich gemeldet, um sich meist für Branchenpreise zu bedanken. Das war’s. Auch an Geschäftszahlen mangelt es. Was also steckt hinter dem Portal?

Das Geschäftsmodell ist älter und simpler als die Rhetorik der Proptech-Szene. WG-Gesucht ist ein Kleinanzeigenmarktplatz: Vermieter stellen Zimmer ein, Suchende scrollen, schreiben, hoffen. Geld fließt über sichtbare Platzierungen, Premium-Mitgliedschaften und Zusatzfunktionen, die in einem Markt mit krasser Knappheit fast von selbst verkauft werden. Wer in München oder Berlin ein Zimmer sucht, zahlt Zeit, Nerven und oft Gebühren an Plattformen, weil die Alternative – Facebook-Gruppen, Kleinanzeigen, Zettel an der Mensa – noch chaotischer ist. Drei Millionen Angebote europaweit und 17 Millionen monatliche Visits sind die Sprache der Netzwerkeffekte: Je mehr Inserate, desto mehr Suchende, desto unverzichtbarer das Portal für beide Seiten.

Dass die Firma in Stuttgart sitzt und nicht im Berliner Start-up-Zoo, erklärt den Stil. Mende und Steim haben kein Venture-Narrativ zu bedienen, keinen Unicorn-Multiples, keine Quartals-Calls. Sie müssen keine Demokratisierung der Stadt predigen, während die Mieten steigen. Die Wohnungsnot ist ihr Traffic. Jedes Wintersemester ist Hochsaison, jedes fehlende Wohnheim ein Konjunkturprogramm. Wettbewerber wie große Immobilienportale zielen auf ganze Wohnungen und Kaufobjekte; WG-Gesucht bleibt in der Nische, in der die Marge in der Verzweiflung der Erstsemester liegt. Genau deshalb können die Gründer unsichtbar bleiben: Das Produkt braucht kein Gesicht, nur Suchergebnisse.

Die Intransparenz hat einen Preis für die Öffentlichkeit, nicht für das Geschäft. Ohne belastbare Zahlen bleibt unklar, wie profitabel der Marktführer wirklich ist, wie viel er in Moderation, Betrugsschutz und mobile Produkte steckt, und wie abhängig er von einzelnen Städten ist. Vierstellige Inseratszahlen in München und Berlin klingen nach Angebot – und sind in Wahrheit die knappe Restmenge eines Marktes, in dem auf jede Anzeige ein Vielfaches an Anfragen kommt. Die Gründer verdanken ihren Erfolg einer Infrastrukturkrise, die sie nicht verursacht haben und nicht lösen.

Solange Hunderttausende jedes Semester neu suchen, bleibt WG-Gesucht die URL, die man weitergibt. Mende und Steim müssen dafür nicht auf Bühnen treten. Ihr Vorsprung ist die Gewohnheit einer ganzen Generation – und ein Geschäftsmodell, das von der Knappheit lebt, über die andere Start-ups nur Folien schreiben.