Tether – die profitabelste Untergrundfirma der Welt strebt aus dem Halbdunkel

Das Stablecoin-Unternehmen gilt als Liebling von Kryptofans und Kriminellen. Tether verdient Milliarden, seine Geschichte ist genauso obskur wie die seiner Hinterleute um den ehemaligen Schönheitschirurgen Giancarlo Devasini. Nun drängt Tether in den Mainstream.
An einem Freitag im Juli nimmt Paolo Ardoino (40) im Weißen Haus auf einem goldenen Stuhl Platz und wartet auf seinen großen Moment. Noch vor einem halben Jahr hätte der schmächtige Italiener keinen Fuß in die USA gesetzt – zu groß die Angst vor einer Verhaftung. Doch seit dem Machtwechsel im Oval Office ist der sechstreichste Kryptomilliardär der Welt vom Staatsfeind zum Ehrengast mutiert.
Im Frühjahr war er zum ersten Mal in Amerika, machte Selfies am Times Square und vor dem Kapitol. Jetzt hat US-Präsident Donald Trump (79) ihn zur feierlichen Unterzeichnung eines neuen Kryptogesetzes eingeladen, zusammen mit den Bossen der anderen Branchengiganten: Brian Armstrong (42) von Coinbase ist gekommen, sein Erzrivale Jeremy Allaire (54) von Circle, Vlad Tenev (38) von Robinhood sowie ein paar Dutzend weitere Männer, die Einfluss und Milliarden haben.
Der Präsident begrüßt jeden persönlich, dann ist der Kryptopate aus Italien an der Reihe. „Danke, Paolo!“, sagt Trump. Ardoino lächelt zufrieden, verbeugt sich ungelenk, setzt sich dann schnell wieder auf seinen Platz in der ersten Reihe. Es sind nur wenige Sekunden, doch sie markieren einen Wendepunkt, der für das globale Finanzsystem nicht ohne Folgen bleiben dürfte.
Das Gesetz, der GENIUS Act, zieht erstmals einen US-Rahmen für Dollar-Stablecoins. Tethers Token USDT ist der mit Abstand größte dieser Coins: Hunderte Milliarden Dollar Nennwert zirkulieren auf Blockchains und dienen als Handelswährung an Kryptobörsen, in Schwellenländern und – das ist der Schatten der Marke – in Grauzonen des internationalen Zahlungsverkehrs. Kritiker werfen dem Emittenten seit Jahren vor, Reserven intransparent zu halten und ein Vehikel für illegale Flows zu sein. Tether weist das zurück und verweist auf Attestierungen, wachsende Bestände an US-Staatsanleihen und die schiere Größe des Geschäfts.
Genau diese Größe macht die Firma so profitabel. Steigen die Zinsen, verdient der Emittent an den Treasuries und Cash-Ersatzpapieren, die hinter den Coins stehen – bei geringen laufenden Kosten. Ardoino hat öffentlich von Milliardengewinnen gesprochen; das Unternehmen gilt zeitweise als eine der margenstärksten Finanzfirmen der Welt, obwohl es wie ein Offshore-Konstrukt operiert. Hinter den Kulissen zieht Giancarlo Devasini die Fäden, ein ehemaliger Schönheitschirurg, der zum Krypto-Tycoon wurde. Die Besitzverhältnisse, der Sitz – lange die Britischen Jungferninseln, zuletzt mit Plänen Richtung El Salvador – und die spärliche Kommunikation nährten den Ruf der Untergrundfirma.
Circle mit dem regulierteren Coin USDC sitzt im selben Saal und hat die US-Anbindung schon länger zur Strategie gemacht. Tether will nun nachziehen: Ardoino sagte nach der Zeremonie, man werde den GENIUS Act erfüllen, Reserven anpassen und eine Big-Four-Prüfung anstreben, um als ausländischer Emittent in den amerikanischen Markt zu kommen. Drei Jahre Spielraum gibt das Gesetz. Für ein Unternehmen, das den Dollar-Coin-Markt jahrelang ohne Washingtoner Segen dominierte, ist das ein Kulturbruch – und eine Überlebensfrage, sobald Banken und Fintechs nur noch konforme Coins anfassen.
Ob aus dem Ehrengast ein salonfähiger Finanzakteur wird, hängt nicht vom Selfie vor dem Kapitol ab. Es hängt davon ab, ob Tether die Reserven so offenlegt, wie es ein US-Regime verlangt, und ob Strafverfolger den Coin weiter als Risiko führen. Der Mainstream, den Ardoino im Weißen Haus sucht, hat Regeln. Die Untergrundfirma muss sich entscheiden, ob sie sie wirklich akzeptiert – oder ob die goldenen Stühle nur eine Pause waren, bevor das Halbdunkel zurückkehrt.