Neues Banken-Schwergewicht für den N26-Aufsichtsrat

Neues Banken-Schwergewicht für den N26-Aufsichtsrat – FinanceFWD

Stefan Ermisch hat nach der Finanzkrise die erste Landesbank in Deutschland privatisiert: die einstige HSH Nordbank. Jetzt soll er die Berliner Digitalbank mit seiner Branchenerfahrung kontrollieren.

Es klang wie eine Bewerbung. Stefan Ermisch (60), der frühere Chef der HSH Nordbank, sagte Anfang des Jahres in einem Gespräch mit der „Börsen-Zeitung“: Er würde gerne seine Erfahrungen mit der Transformation von Banken und der Restrukturierung von Bilanzen weitergeben. Daher sei er offen für eine Aufgabe als Kontrolleur. Der Satz war öffentlich, klar und zielgerichtet. In der Branche muss niemand lange raten, welche Institute gerade Transformation und Bilanzarbeit suchen.

Inzwischen ist klar, wo er eine solche Rolle übernehmen wird: Ermisch soll in den Aufsichtsrat der Berliner Digitalbank N26 einziehen. Das „Handelsblatt“ hatte zuerst darüber berichtet. Für die Neobank ist das ein Signal in Richtung klassisches Bankwesen. Der Mann, der eine krisengeschüttelte Landesbank durch Privatisierung führte, sitzt künftig nicht im Vorstand, sondern im Kontrollgremium – genau die Rolle, die er in der „Börsen-Zeitung“ skizziert hatte.

Ermischs Lebenslauf ist die Antithese zum frühen N26-Mythos. Die HSH Nordbank, Landesbank von Hamburg und Schleswig-Holstein, galt nach der Finanzkrise als Symbol toxischer Schifffahrtskredite, milliardenschwerer Garantien und politischer Eigentümerschaft. Ermisch führte das Institut durch den Abbau, die Neuaufstellung und am Ende an private Eigentümer – die erste Privatisierung einer deutschen Landesbank. Aus der HSH wurde später die Hamburg Commercial Bank. Wer das überlebt hat, kennt Abwicklungsportfolios, Aufsichtsdruck und die Differenz zwischen politischer Erzählung und harter Bilanz.

Genau diese Erfahrung sucht N26. Die Digitalbank hat den Sprung zur lizenzierten Vollbank geschafft, Millionen Kundinnen und Kunden gewonnen und zugleich über Jahre mit der Finanzaufsicht, mit internen Kontrollsystemen und mit der Frage gerungen, ob das Wachstum zur Institutegröße passt. Ein Aufsichtsrat, der Transformation und Restrukturierung als Handwerk beherrscht, ist in dieser Phase mehr wert als ein weiterer Start-up-Investor im Gremium. Ermisch würde die Berliner Bank nicht gründen – er würde sie kontrollieren.

Dass er die Offenheit für ein Mandat zuerst der „Börsen-Zeitung“ sagte, zeigt auch, wie der Markt für Bankaufseher funktioniert: sichtbar bleiben, Kompetenz markieren, auf die richtige Lücke warten. N26 braucht in der Wahrnehmung von Investoren, Aufsicht und Großkunden Gremien, die nach Institut klingen, nicht nach Gründerzirkel. Ein 60-jähriger Landesbank-Sanierer erfüllt diese Erwartung fast lehrbuchhaft. Die Neobank bekommt Branchentiefe; Ermisch bekommt die Bühne, auf der sich Transformation weiterhin in Echtzeit beobachten lässt.

Ob aus dem geplanten Einzug ein langfristiger Einfluss wird, hängt vom Mandat ab, das das Gremium ihm gibt – Risiko, Prüfung, Vergütung, Digitalisierung. Die öffentliche Vorankündigung allein ändert die Bank nicht. Sie ändert die Optik: N26 holt sich ein Schwergewicht aus der alten Bankenwelt, das nach der Krise bewiesen hat, dass Institute verkauft, saniert und neu aufgestellt werden können. Für eine Digitalbank, die erwachsen werden muss – mit Vollbanklizenz, wachsender Bilanz und einer Aufsicht, die Zeitbudget und Eignung der Gremien ernst nimmt –, ist das die Botschaft. Ermisch kennt diesen Blick aus Kiel und Hamburg. N26 braucht ihn in Berlin.

Ermisch hat gesagt, was er will: Erfahrungen weitergeben, Bilanzen lesen, als Kontrolleur wirken. N26 hat den Platz. Die erste privatisierte Landesbank ist Geschichte. Aus ihr wurde später die Hamburg Commercial Bank – ein Institut ohne Landesväter, mit privaten Eigentümern und einer Bilanz, die Ermisch mitgeformt hat. Die nächste Aufgabe des Sanierers soll in Berlin liegen – nicht in der Geschäftsführung, sondern dort, wo in einer Bank die Aufsicht über die Geschäftsführung sitzt.