Nächster Radikalumbau bei Solaris

Der neue Chef Steffen Jentsch streicht jede fünfte Stelle und will die Bank zu einem technischen Dienstleister für andere Institute ausbauen. Dafür erhält er vom japanischen Großaktionär SBI erneut eine dreistellige Millionensumme. Die Details des KI-Plans sind gewagt.
Als die Berliner Solaris-Bank im Frühjahr 2016 loslegte, war Steffen Jentsch (59) Zuschauer – aber ein sehr aufmerksamer. Er saß damals im Vorstand des IT-Dienstleisters Atruvia und rang damit, schwerfällige, über Jahre gewachsene Kernbankensysteme zu modernisieren, die in erster Linie von Volks- und Raiffeisenbanken genutzt werden. „Ich habe mit Neid nach Berlin geschaut“, räumt er ein. Solaris startete damals mit einer Technologie, die vieles besser und schneller machte, die von Beginn an flexibler gebaut war.
Seit Anfang dieses Jahres ist Jentsch nun selbst Chef von Solaris. Nur hat er kein aufstrebendes Start-up übernommen, das andere beneiden würden. Sondern eine Bank in der Krise, die vor gut einem Jahr in letzter Minute gerettet wurde. Jetzt plant Jentsch den nächsten radikalen Schnitt.
Jede fünfte Stelle fällt. Das ist für ein Haus, das als Banking-as-a-Service-Pionier angetreten war, Fintechs und Konzerne mit Lizenz, Konten und Karten zu versorgen, ein Einschnitt in die Substanz. Die Berliner hatten das Versprechen verkauft, Bankinfrastruktur als Produkt zu liefern – schnell, programmierbar, ohne den Ballast eines Filialapparats. Dann kamen Wachstumsschmerzen, Risiko, Aufsicht und zuletzt die Rettung in letzter Minute. Der japanische Großaktionär SBI hielt das Institut am Leben. Nun legt er erneut eine dreistellige Millionensumme nach. Das Geld ist die Bedingung für Jentsch’ Umbau, nicht sein Preisgeld.
Die neue Geschichte lautet: weg vom glamourösen Fintech-Enabler, hin zum technischen Dienstleister für andere Institute. Ausgerechnet Jentsch, der bei Atruvia die Langsamkeit der Genossenschafts-IT erlebt hat, soll Solaris in die Richtung ziehen, die er damals beneidet hat – nur diesmal als Zulieferer für Banken, nicht als Gegenmodell. Der Neid auf Berlin war der Neid auf eine flexible Kernbank. Der Umbau 2026 heißt, diese Flexibilität an Sparkassen, Volksbanken und andere Lizenznehmer zu verkaufen, statt selbst das nächste Partner-Start-up zu finanzieren.
Gewagt sind die Details des KI-Plans, weil sie in einer Bank landen, die gerade erst vor der Insolvenz bewahrt wurde. Künstliche Intelligenz in Kredit, Compliance oder Kundenservice klingt nach Effizienz, die den Stellenstreich flächendeckend erklären soll. In der Praxis trifft sie auf eine lizensierte Balance Sheet, auf BaFin und auf Altsysteme, die sich nicht in einem Quartal ersetzen lassen. Jentsch weiß das aus der Atruvia-Zeit. Trotzdem muss er den Investoren eine Story liefern, in der weniger Köpfe mehr Bank produzieren.
Banking-as-a-Service war die große Berliner Erzählung: Lizenz teilen, API öffnen, Partner skalieren. In der Krise zeigte sich die Kehrseite – Kreditrisiken, Partnerausfälle, Kapital, das nicht zur Technologie-Story passte. Jentsch’ Antwort ist unglamourös: weniger Partnerromantik, mehr Kernbank als Produkt, weniger Köpfe. Die dreistellige Millionensumme von SBI finanziert diese Nüchternheit. Ohne sie wäre der Schnitt jede fünfte Stelle ein Abwicklungsplan, kein Umbau.
SBI kauft mit der dreistelligen Millionensumme Zeit und Kontrolle. Der Großaktionär hat zu viel Kapital in Solaris, um das Experiment still zu begraben. Jentsch ist der Sanierer aus der Welt der Kernbanken, nicht der nächste Start-up-CEO. Der Radikalumbau – jede fünfte Stelle, Dienstleister statt Darling, KI als Hebel – ist der Preis für das zweite Leben der Berliner Bank.
Ob aus dem beneideten Technologievorsprung von 2016 ein tragfähiges B2B-Geschäft wird, entscheidet sich daran, ob andere Institute Solaris wirklich als ihre unsichtbare Fabrik nutzen. Der Neid ist vorbei. Übrig ist Handwerk in der Krise.