Finanzen.net kauft Fintech Vickii

Exklusiv: Die Finanzplattform Finanzen.net schluckt die Aktien-App Vickii – deren Gründer arbeiten künftig an KI-Produkten für das Unternehmen und den Neobroker. Die eigene App wird dagegen eingestellt.
Die App Vickii sollte junge Menschen an die Investmentwelt heranführen – mit Informationen zu Aktien und Finanzgossip. Auf das junge Team aus Münster hatten Business Angel wie der ehemalige Rocket-Internet-Aufsichtsrat Marcus Englert oder Niklas Schwab, besser bekannt als Influencer Hedgefonds Henning, gewettet. Nach einer ersten Finanzierungsrunde vor drei Jahren wurde es ruhig um das Gründerteam Lukas Söllner, Alexander Brils und Jai Bheeman. Die App blieb eine Nische: Reichweite unter jüngeren Anlegern, aber ohne den Durchbruch gegen die großen Broker- und Media-Marken.
Nun hat die Finanzen.net Gruppe das Fintech geschluckt. Die eigene App wird eingestellt. Das Team arbeitet derweil künftig bei Finanzen.net an neuen KI-Produkten und Söllner verantwortet als „Head of AI“ den wichtigen Entwicklungsbereich. Sie arbeiten etwa an neuen KI-Funktionen für den Broker finanzen.net Zero. Aus einem eigenständigen Consumer-Produkt wird eine interne Produktzelle – ein klassischer Talentdeal, bei dem die Marke stirbt und die Köpfe bleiben.
Der Broker ist ein wichtiges Geschäft für den neuen CEO Muhamad Chahrour, der in der Führung von Flatex tätig war. Finanzen.net gehörte früher zum Digital- und Medienkonzern Axel Springer und wurde an den Private-Equity-Fonds Inflexion verkauft. Chahrour kennt das Neobroker-Handwerk aus dem Wettbewerb: Flatex hat den deutschen Online-Brokerage-Markt über Jahre mitgeprägt. Bei Finanzen.net soll Zero die Brücke schlagen zwischen redaktioneller Reichweite der Plattform und ausführendem Handel – Nachrichten, Kurse, Orderstrecke, möglichst in einem Kosmos. KI, die aus dem Portal in den Broker greift, ist für Inflexion der Hebel, aus Medienreichweite Transaktionen zu machen.
Viel dürfte Chahrour für den Deal nicht bezahlt haben. Es sieht so aus, als habe man sich vor allem junge Produkttalente zugekauft. Drei Jahre nach der ersten Runde, ohne sichtbaren zweiten Wachstumssprung, ist Vickii kein Preisfestival. Englert und Schwab hatten auf eine Generation gesetzt, die Aktien über Gossip und Mobile entdeckt. Der Markt hat diesen Zugang teilweise bestätigt – nur eben bei Trade Republic, Scalable und den etablierten Portalen, nicht bei einer Münsteraner App mit eigenem Namen.
Genau deshalb ist die KI-Story für Finanzen.net plausibler als die App-Story. Wer Kurse, Nachrichten und ein Brokerage-Backend besitzt, braucht keine zweite junge Marke, sondern Funktionen: Zusammenfassungen, Suche, Assistenz im Depot, Automatisierung von Redaktion und Service. Söllner als Head of AI sitzt an einer Stelle, die Inflexion als Eigentümer verstehen wird – Produkt, das sich in Zero und im Portal hebeln lässt, statt Venture-Burn für eine Stand-alone-App.
Für die Gründer ist der Ausgang ambivalent. Die Marke Vickii verschwindet. Dafür landen Söllner, Brils und Bheeman in einem Unternehmen mit Reichweite, Brokerlizenz-Anbindung und Private-Equity-Druck, Ergebnisse zu liefern. Hedgefonds Henning und der Ex-Rocket-Aufsichtsrat Englert bekommen keinen glanzvollen Exit-Mythos, aber eine industrielle Anbindung ihrer Wette. In der deutschen Fintech-Szene ist das inzwischen ein häufiger letzter Akt: nicht das Unicorn, sondern die Produktabteilung.
Finanzen.net kauft damit weniger ein fertiges Consumer-Geschäft als eine Option auf KI im eigenen Broker. Die App, die junge Menschen an die Investmentwelt heranführen sollte, wird abgeschaltet. Die Gründer sollen dasselbe Publikum künftig über Zero und das Portal erreichen – mit Maschinen, nicht mit einer zweiten Ikone im Stores. Ob das mehr wert ist als der Kaufpreis, den Chahrour vermutlich niedrig gehalten hat, entscheidet nicht die Pressemeldung, sondern die nächsten Funktionen im Broker – und ob Zero damit gegen die etablierten Neobroker Boden gutmacht.