Ex-Flatex-Boss vor möglichem Comeback als neuer Solaris-CEO

Ex-Flatex-Boss vor möglichem Comeback als neuer Solaris-CEO – FinanceFWD

Frank Niehage gilt in der deutschen Finanzwelt als eine schillernde Figur. Nun gehört der ehemalige Chef des Onlinebrokers FlatexDegiro offenbar zu den Favoriten für die CEO-Nachfolge bei dem Berliner Fintech Solaris.

Es war kein Abschied, wie sich ihn Spitzenmanager wünschen: Im Frühjahr 2024 musste Niehage (57) nach zehn Jahren als Chef des Neobrokers FlatexDegiro gehen – „auf Grund von unterschiedlichen Auffassungen zur strategischen Entwicklung sowie zum Wohle der Gesellschaft“, wie das Frankfurter Unternehmen damals recht offen erklärte. Dem war ein erbitterter Streit mit Mehrheitseigner Bernd Förtsch (62) vorausgegangen. Der Konflikt war kein stilles Hinterzimmer-Duell. Er wurde zur öffentlichen Machtfrage zwischen einem operativen Vorstand, der die Firma über ein Jahrzehnt geprägt hatte, und dem Großaktionär, der das letzte Wort behielt.

Jetzt, gut ein Jahr später, könnte Niehage ein Comeback als CEO erleben – dieses Mal an der Spitze einer Bank. Er hat derzeit die besten Chancen, Carsten Höltkemeyer (56) an der Spitze der Berliner Solaris zu beerben. Aus einem Broker-Chef würde ein Bankchef. Das ist mehr als ein Titeltausch: Solaris ist kein Retail-Broker, sondern eine Banking-as-a-Service-Plattform mit Vollbanklizenz. Sie stellt anderen Fintechs und Unternehmen die regulatorische und technische Infrastruktur bereit, damit diese Konten, Karten und Zahlungen anbieten können, ohne selbst Bank zu sein.

Gerade deshalb gehört der Posten zu den anspruchsvollsten in der deutschen Fintech-Landschaft. Solaris wuchs über Jahre mit dem Versprechen, die unsichtbare Bank hinter Dutzenden Frontends zu sein. Dann wurde das Umfeld rauer: Die Finanzaufsicht zog die Zügel an, Kapitalanforderungen stiegen, Partner und Investoren wollten Stabilität statt reiner Wachstumsstory. Höltkemeyer stand für die Phase der Konsolidierung. Wer ihm folgt, erbt nicht nur eine Lizenz und ein Partnernetz – sondern die Aufgabe, ein BaaS-Modell so zu führen, dass es Aufsicht, Kunden und Kapitalmarkt gleichzeitig überzeugt.

Niehage bringt eine andere Biografie mit. Bei FlatexDegiro formte er aus einem spezialisierten Onlinebroker eine der großen europäischen Handelsplattformen für Privatanleger, mit Börsennotierung und einem Geschäftsmodell, das von Orderflow, Zinsen und Skaleneffekten lebt. Er gilt als treibend, öffentlichkeitsaffin, mitunter polarisierend – eben schillernd. Genau das macht die Personalie für Solaris heikel und logisch zugleich. Heikel, weil eine lizenzierte Bank weniger Show und mehr Prozess braucht. Logisch, weil Niehage gezeigt hat, dass er ein skalierendes Finanzgeschäft operativ führen und nach außen vertreten kann.

Ob aus der Favoritenrolle ein Vertrag wird, ist offen. CEO-Suchen bei beaufsichtigten Instituten dauern, weil Aufsicht, Anteilseigner und oft auch Großpartner ein Wort mitreden. Solaris braucht jemanden, der das BaaS-Geschäft versteht, mit der BaFin umgehen kann und Investoren eine glaubwürdige nächste Phase erklärt. Niehage müsste nach dem Bruch mit Förtsch beweisen, dass der Streit von 2024 eine Eigentümerfrage war – und kein Urteil über seine Eignung, ein beaufsichtigtes Institut zu führen.

Für die Berliner Bank wäre die Berufung ein Signal: Nach Jahren der internen Neuordnung soll an der Spitze wieder ein Name stehen, den die Branche sofort einordnet. Für Niehage wäre es die Chance, das Narrativ seines Abgangs zu überschreiben. Ein Jahr nach dem unfreiwilligen Ende bei FlatexDegiro stünde nicht der Konflikt mit dem Mehrheitseigner im Mittelpunkt, sondern die Frage, ob der frühere Broker-Chef das schwierigere Amt meistert – das einer Bank, deren Kunden selbst Finanzunternehmen sind. Höltkemeyers Nachfolge ist deshalb mehr als eine Personalie. Sie entscheidet, ob Solaris als Infrastruktur hinter fremden Marken wieder angreift oder als beaufsichtigtes Institut vor allem Stabilität organisiert. Niehage hat zehn Jahre gezeigt, dass er ein skalierendes Finanzgeschäft führen kann. Ob das für eine BaaS-Bank mit Vollbanklizenz reicht, ist die offene Probe aufs Exempel.