Ex-Finanzminister Jörg Kukies geht zu US-Großbank

In der Regierung von Ex-Kanzler Olaf Scholz war Jörg Kukies der Troubleshooter. Jetzt übernimmt der frühere Goldman-Sachs-Banker und SPD-Mann eine Toprolle bei Morgan Stanley in Kontinental-Europa. Hintergründe eines spektakulären Wechsels.
Sieben Jahre hat sein Ausflug in die Politik gedauert: Jörg Kukies (58), einst Co-Chef der deutschen Goldman-Sachs-Tochter und damit einer der einflussreichsten Investmentbanker der Republik, wechselte 2018 ins Bundesfinanzministerium. Dort entwickelte sich der SPD-Mann als Staatssekretär zu einem der wichtigsten Problemlöser für den damaligen Bundesfinanzminister Olaf Scholz (67). Und als dieser Kanzler wurde, nahm er Kukies mit. Erst ins Kanzleramt, dann auf die Regierungsbank: In den letzten Monaten der Ampelregierung fungierte der Ökonom als Bundesfinanzminister.
Demnächst wird Kukies in die Finanzbranche zurückkehren. Er wird zu Morgan Stanley gehen. Bei der US-Großbank wird Kukies eine Toprolle in Kontinental-Europa übernehmen. Es dürfte in der Branche eine der prominentesten Personalien des Jahres sein.
Der Wechsel hat eine innere Logik, die in Frankfurt niemand überrascht und in Berlin trotzdem stört. Kukies war nie der Karrierepolitiker, der über Landesverbände nach oben kam. Er war der Banker, den Scholz holte, weil der Apparat jemanden brauchte, der Märkte, Aufsicht und Großkonzerne in derselben Sitzung lesen kann. Troubleshooter in der Energiekrise, in der Bankenlandschaft, in den endlosen europäischen Dossiers: Kukies galt als der Mann, der das Technische vom Politischen trennte, bis beides wieder zusammenpasste. Als Finanzminister in der Schlussphase der Ampel war er Verwalter eines Endes, nicht Architekt eines Anfangs.
Morgan Stanley holt genau diese Biografie. Die US-Bank braucht in Kontinental-Europa jemanden, der Türen in Berlin, Paris und bei den Aufsichtsbehörden öffnet, ohne wie ein Lobbyist zu wirken. Eine Toprolle nach sieben Jahren Staatsdienst ist für das Haus ein Signal an Mandanten: Wir haben den Mann, der den deutschen Staat von innen kennt. Für Kukies ist es die Rückkehr in ein Gehalts- und Statusgefüge, das ein Bundesministerium nicht abbildet. Der Kreis schließt sich, wo er 2018 aufbrach – bei einer US-Investmentbank, nur eben nicht mehr Goldman Sachs.
Spektakulär ist die Personalie, weil die Drehtür so sichtbar rotiert. Vom Co-Chef einer Wall-Street-Tochter zum Staatssekretär, ins Kanzleramt, an die Spitze des Finanzministeriums und zurück an die Spitze einer rivalisierenden Großbank. In den USA wäre das ein klassischer Washington-to-Wall-Street-Move. In Deutschland, wo die Grenze zwischen Amt und Mandat moralisch enger gezogen wird, bleibt ein Rest Verdacht: Wissen, das im öffentlichen Auftrag entstand, wird privat verwertet. Karenzregeln sollen das abfedern. Die optische Wucht der Nachricht heben sie nicht auf.
Für die Branche zählt der praktische Kern. Kukies kennt die deutsche Industrie, die Kapitalmarktunion als Dauerthema und die Eigenheiten der Frankfurter Aufsicht. Morgan Stanley bekommt einen Regenmacher mit Regierungsvita. Die SPD verliert einen Technokraten, der nie ganz ihr Typ war. Scholz verliert den Problemlöser, den er durch alle Häuser mitnahm.
Morgan Stanley ist nach dem Brexit ein europäisches Institut mit Sitz in Frankfurt, das Mandanten von Industrieanleihen bis Fusionen begleitet. Ein Deutscher mit Goldman-Vergangenheit und Ministeramt auf der Visitenkarte ist in diesem Setup kein Dekorationsposten. Er soll das Kontinentgeschäft führen, nicht kommentieren. Dass ausgerechnet ein SPD-Mann diese Rolle übernimmt, sagt mehr über die Durchlässigkeit der deutschen Elite als über Parteibücher.
Sieben Jahre Politik, eine Toprolle in Kontinental-Europa: Der spektakuläre Wechsel ist zugleich ein nüchternes Karrierestück. Kukies geht dorthin zurück, wo seine Sprache gesprochen wird – in die Investmentbank. Diesmal unter einem anderen Briefkopf, mit dem Adressbuch eines Ex-Ministers in der Tasche. Die Branche hat ihre Personalie des Jahres.