ING-Vorstand und Lemon-Markets-Gründer investieren: Steuer-Fintech Divtax sammelt eine Million Euro ein

Ein junges Gründerteam aus Hamburg will Anlegerinnen und Anlegern helfen, zu viel einbehaltene Quellensteuern im Ausland zurückzufordern. Bekannte Gründer und Investoren der Fintechszene investieren nun in das Start-up.
Die Idee kam ihnen im Uni-Hörsaal: Im Rahmen ihrer Masterarbeit an der Lissaboner Business School Nova SBE befassten sich Nicolas Oldag und Julius Holzer mit der Rückerstattung von Quellensteuern auf internationale Kapitalerträge. Daraus entstand ihr Start-up Divtax, das sie seit drei Jahren gemeinsam mit Linus Holzer aufbauen. Jetzt hat das Trio in einer Pre-Seed-Runde eine Million Euro Wachstumskapital eingesammelt.
Zu den Geldgebern zählen neben Angel Invest und Capcircle auch die Szeneköpfe Ralph Müller, COO der ING Deutschland, Lemon-Markets-Gründer Max Linden und Tech-Investor Christian Stiebner. Es ist die zweite Finanzierung, bereits Ende 2024 waren in einer Angel-Runde 330.000 Euro in das Projekt geflossen.
Divtax setzt bei einem Problem an, das viele Anlegerinnen und Anleger betrifft: In zahlreichen Ländern werden auf Dividenden und Zinsen Quellensteuern erhoben, die teils über dem im Doppelbesteuerungsabkommen mit Deutschland vorgesehenen Höchstsatz von 15 Prozent liegen. Den Rest können sich Anlegerinnen und Anleger über einen aufwendigen Prozess zurückholen, indem sie sich an das jeweilige ausländische Finanzamt wenden. So lassen sie laut Schätzungen bis zu über einer Milliarde Euro an zu viel gezahlter Quellensteuer liegen.
Das Hamburger Fintech hat eine Plattform entwickelt, die den Rückholprozess automatisieren soll. Nutzerinnen und Nutzer können etwa ihre Depots analysieren lassen und werden über Erstattungsmöglichkeiten benachrichtigt. Divtax übernimmt anschließend – nach eigenen Angaben gemeinsam mit einer Partnerkanzlei – die Antragstellung und die Kommunikation mit den zuständigen Auslandsbehörden. Im Erfolgsfall berechnet das Fintech 30 Prozent des zu erstattenden Betrags – oder mindestens 30 Euro.
Die Milliarde, die liegen bleibt, ist kein Zufall, sondern Bürokratie als Geschäftsmodell der Untätigkeit. Wer eine französische oder Schweizer Dividende kassiert, sieht den Abzug, nicht den Formularweg. Formulare in Fremdsprache, Beglaubigungen, Fristen, Depotnachweise: Der Aufwand übersteigt bei kleinen Positionen den Erstattungsbetrag. Genau deshalb ist die Erfolgsgebühr von 30 Prozent – mindestens 30 Euro – für viele Privatanleger rational, auch wenn sie grob klingt. Besser 70 Prozent von etwas als 100 Prozent von nichts.
Bislang richtete sich das Angebot vor allem an Privatanlegerinnen und -anleger. Inzwischen entwickelt das Team auch ein B2B-Produkt für Broker und Plattformen. Als ersten Pilotkunden habe man bereits eine Kapitalverwaltungsgesellschaft mit einem verwalteten Vermögen im hohen zweistelligen Milliardenbereich gewonnen. Das frische Kapital soll jetzt vor allem in den Ausbau dieses Geschäftsbereichs fließen. Für Broker wäre eine eingebaute Quellensteuer-Rückholung ein Differenzierungsmerkmal in einem Markt, in dem Ordergebühren gegen null tendieren.
Doppelbesteuerungsabkommen klingen nach Staatsvertrag und enden im Briefkasten des Anlegers. Der Höchstsatz von 15 Prozent ist der politische Kompromiss, der Verwaltungsaufwand der Rest. Wer international diversifiziert – genau das, was jede Finanzbildung predigt –, produziert automatisch Erstattungsansprüche. Eine Plattform, die Depots scannt und Anträge anstößt, macht aus einem lästigen Restposten ein standardisiertes Produkt. Die Partnerkanzlei im Hintergrund ist dabei kein Marketing: Auslandsfinanzämter sprechen mit Anwälten, nicht mit Apps.
Dass Müller, Linden und Stiebner mitziehen, ist mehr als Namensglanz. Ein ING-Vorstand kennt das Depotgeschäft in der Breite, ein Neobroker-Gründer die Reibung internationaler Dividenden in der App, ein Tech-Investor die Skalierung von Dokumentenprozessen. Eine Million Euro Pre-Seed plus 330.000 Euro aus der Angel-Runde sind für ein Steuer-Fintech kein Füllhorn, aber genug, um aus der Hörsaalidee eine Infrastruktur zu machen. Die Quellensteuer bleibt, bis sich Staaten einigen. Bis dahin ist das Zurückholen ein Markt – und Divtax will ihn nicht den Steuerberatern mit Papierpost überlassen.