Die wundersamen Aktientipps der Mami-Millionärin

Die wundersamen Aktientipps der Mami-Millionärin – FinanceFWD

Carmen Mayer ist omnipräsent. Buch, Podcasts, Interviews in Medien: Überall erzählt die „Mami goes Millionär“-Autorin, wie sie reich geworden ist. Damit lockt sie Tausende andere Frauen in ihre Coachings. Doch es gibt mehr als nur einen Haken.

Die Geschichte von Carmen Mayer (41) ist auf so viele Weisen wundersam, dass es lohnt, einmal ganz vorn anzufangen. 1984 in Polen als Carmen Kocot geboren, kam sie als Kleinkind mit Mutter, Schwester und zwei Koffern nach Wuppertal, studierte in Düsseldorf und promovierte 2011 an der TU in München als Biochemikerin. Beim Pharmakonzern Roche verdiente sie mehr als 100.000 Euro im Jahr, ihr Mann Markus Mayer (40) war Ingenieur bei BMW. Doch als das Ehepaar 2017 ein Haus kaufen wollte, merkten sie: Das geht nicht, zu wenig Geld. Also sei sie hochschwanger losgeradelt, habe in einer Buchhandlung ein Buch erworben und sich ins Thema Aktien eingegraben, erzählt Mayer gern. Kurze Zeit später habe ihr Mann ihr 2000 Euro gegeben, damit sie endlich anfange, zu investieren. Und zack: „Ich wurde reich.“

Die Erzählung ist perfekt gebaut. Migrationsgeschichte, Naturwissenschaft, Konzerngehälter, die dennoch nicht zum Eigenheim reichen, dann die schwangeren Kilometer zur Buchhandlung, das Startkapital vom Ehemann, der Reichtum danach. Sie funktioniert als Markenkern: Wenn eine promovierte Biochemikerin mit 2000 Euro den Durchbruch schafft, kann es die Hörerin auch. Genau diese Identifikation ist der Rohstoff, aus dem Mayer Reichweite macht – über das Buch „Mami goes Millionär“, über Podcasts, über Interviews, in denen sie die Sequenz immer wieder erzählt.

Jetzt will sie anderen – vor allem Frauen – dabei helfen, das Gleiche zu schaffen. Nur geht es weniger darum, gönnerhaft eine vermeintlich goldene Formel für Aktieninvestments mit allen zu teilen. Vielmehr verkauft Carmen Mayer mit raffinierten Marketingtricks Coachingprodukte zum Thema Geldanlage, die für sie zu einem Millionengeschäft geworden sind. Der Unterschied ist zentral: Nicht die Aktientipps sind das Produkt, das sich in der Breite monetarisieren lässt. Das Produkt sind Kurse, Communities und Coachings, die an Frauen verkauft werden, die denselben Aufstieg suchen, den Mayer öffentlich vorführt.

Der Markt, in dem sie operiert, ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen. Finanzbildung für Frauen gilt als unterversorgt, klassische Banken und Fondsgesellschaften haben die Zielgruppe lange links liegen gelassen. In diese Lücke stoßen Influencerinnen mit Origin Story, Social-Media-Präsenz und einem Trichter aus kostenlosen Impulsen hin zu kostenpflichtigen Programmen. Mayer ist darin omnipräsent – und nutzt die Bühne, die herkömmliche Vermögensverwalter so nicht haben: Buchhandel, Podcast-Charts, Hochglanzinterviews.

Der erste Haken liegt in der Logik der Geschichte selbst. Wer 2017 mit 2000 Euro in Aktien einsteigt und später ein Coaching-Imperium führt, vermischt zwei Einkommensquellen. Der Börsenerfolg wird zum Beweis, das Coachinggeschäft zum eigentlichen Hebel. Für Kundinnen ist kaum zu trennen, welcher Teil des Millionärsstatus aus Dividenden und Kursgewinnen stammt – und welcher aus dem Verkauf von Seminaren an Menschen, die denselben Weg gehen wollen. Die Aktientipps sind der Köder. Das Millionengeschäft ist die Dienstleistung drumherum.

Der zweite Haken ist das Versprechen der Replizierbarkeit. Mayer lockt Tausende Frauen mit der Idee, der Weg sei nachahmbar. Coachings skalieren aber nur, wenn viele zahlen, während wenige denselben sprunghaften Vermögenszuwachs erleben wie die Gründerin der Marke. Wer verkauft, braucht eine Erzählung, die einfach klingt: Buch, Depot, Reichtum. Die Realität von Geldanlage – Kosten, Risiko, Steuern, der Unterschied zwischen einem Einzeltitel und einem Weltportfolio – bleibt hinter der wundersamen Pointe zurück.

Damit ist Mayer kein Einzelfall, sondern die zugespitzte Form eines Geschäftsmodells, das Bildung, Unterhaltung und Vertrieb untrennbar vermengt. Sie bleibt in Buch, Podcast und Interview die Frau, die hochschwanger losgeradelt ist und reich wurde. Für die Kundinnen, die ihren Coachings folgen, lohnt der Blick hinter die Pointe: Nicht jede, die 2000 Euro anlegt, wird Millionärin. Manche finanzieren vor allem das Millionärsgeschäft derjenigen, die ihnen das erzählt.