Die 100-köpfige Bundesbank-Abteilung ohne Aufgabe

Bundesbank-Präsident Joachim Nagel hat den milliardenschweren Umbau der legendären Frankfurter Zentrale gestoppt. Was mit den gut 100 Mitarbeitern wird, die extra dafür eingestellt wurden, ist unklar.
Es klang nach einem klaren Schlussstrich: „Wir schließen ein Kapitel der Bundesbank-Geschichte“, verkündete Joachim Nagel (59) vor einigen Wochen. Deutschlands oberster Notenbanker hatte entschieden, dass die Bundesbank ihre legendäre Zentrale im Frankfurter Norden aufgibt. Der asbestverseuchte Betonbau, aus dem heraus einst Karl Otto Pöhl, Helmut Schlesinger und Hans Tietmeyer die D-Mark zu einer der härtesten Währungen Europas machten, wird nicht umgebaut. Nicht saniert. Nicht bezogen. Die 168 Millionen Euro für die Asbestentkernung seien „sunk costs“, so Nagel.
Der Satz ist betriebswirtschaftlich korrekt und politisch unbequem. Sunk costs sind ausgegebenes Geld, das keine rationale Entscheidung mehr rechtfertigen soll. 168 Millionen Euro für die Entfernung von Asbest in einem Gebäude, in das niemand mehr einziehen wird – das ist für eine Institution, die den Bürgern Stabilität und Sparsamkeit predigen muss, eine schmerzhafte Buchung. Nagel begründet den Stopp mit Wirtschaftlichkeit: Eine neue Immobilie in Frankfurt sei günstiger als die Fortsetzung am Standort Wilhelm-Epstein-Straße. Der milliardenschwere Campus, über Jahre geplant, gestrichen, verkleinert und wieder gerechnet, ist damit zu den Akten gelegt.
Offen ist, was aus den Menschen wird, die diesen Campus bauen sollten. Gut 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wurden extra für das Vorhaben eingestellt – Architekten, Projektsteuerer, Bauingenieure, Spezialisten für Schadstoffe und Denkmalschutz. Eine Notenbank unterhält üblicherweise keine Bautruppe in dieser Größe. Sie entstanden, weil das Projekt so groß und so lange geplant war, dass internes Know-how günstiger und steuerbarer schien als ein reines externer-Generalunternehmer-Modell. Nun steht eine Abteilung ohne Aufgabe in einer Behörde, die sich gerade anschickt, ein neues Quartier zu suchen.
Versetzungen, ein Folgeprojekt, ein sozialverträglicher Abbau: Nichts davon ist entschieden. Für die Betroffenen ist das der härteste Teil des Schlussstrichs. Sie wurden nicht für die Geldpolitik geholt, sondern für Beton, Asbest und Zeitpläne. Eine Zentralbank kann Analysten in andere Abteilungen schieben. Eine dreistellige Zahl an Bauexperten ohne Baustelle ist ein anderes Problem – teuer, sichtbar und schwer zu erklären, während die Institution parallel über Effizienz und Homeoffice redet.
Das Gebäude selbst bleibt ein Symbol. Der Turm im Frankfurter Norden war mehr als ein Büro: Er war die Bühne der D-Mark-Glaubwürdigkeit, später ein Relikt im Schatten der EZB am Fluss. Asbest, Denkmalschutz und explodierende Baukosten haben aus der Sanierung ein Fass ohne Boden gemacht. Nagel handelt wie ein Vorstand, der ein Investitionsruinenprojekt stoppt. Die Bundesbank ist aber keine beliebige Immobilien-GmbH. Sie verwaltet öffentliche Mittel, Gold und den Ruf, besser zu rechnen als der Rest des Staates.
Frankfurt kennt solche Geisterprojekte. Die Stadt ist voll von Türmen, die teurer wurden als geplant; die Bundesbank wollte das Gegenteil vorleben. Stattdessen verteilt sie ihre Zentrale auf Ausweichquartiere, sucht ein neues Haus in der Innenstadt und lässt den Betonriegel im Norden zurück – mitsamt der Frage, wofür eine dreistellige Zahl an Bauleuten noch auf der Gehaltsliste steht, wenn niemand mehr baut.
168 Millionen Euro als sunk costs zu verbuchen und zugleich gut 100 extra eingestellte Leute in der Luft hängen zu lassen, schließt das architektonische Kapitel. Das personelle bleibt offen. Bis die Notenbank sagt, wohin die Spezialisten sollen, wirkt der klare Satz vom geschlossenen Kapitel unvollständig – präzise in der Immobilie, unscharf bei den Menschen, die sie retten sollten. Eine Institution, die Stabilität predigt, sollte diese Lücke nicht zur Fußnote machen.