Der Wachstumsplan von Europas 50-Milliarden-Euro-Fintech

Der Wachstumsplan von Europas 50-Milliarden-Euro-Fintech – FinanceFWD

Adyen ist der stille Gigant hinter Geldüberweisungen weltweit – und einer der wenigen Techchampions aus Europa. Das hochprofitable Modell: ganz anders als bei den US-Rivalen PayPal und Stripe. Nun will Co-CEO Ingo Uytdehaage ein neues Segment ausbauen.

Wer Buzzword-Bingo sucht, ist bei Ingo Uytdehaage (52) an der falschen Adresse. „Wir springen nicht sofort auf Hypes“, sagt der Co-Chef von Europas wertvollstem Fintech. Er zieht die leisen Töne vor, arbeitet lieber im Hintergrund – genau wie der stille Gigant, den er gemeinsam mit einem der Mitgründer, Pieter van der Does (56), führt: Adyen.

Der niederländische Zahlungskonzern ist der unsichtbare Abwickler hinter Milliarden von Transaktionen weltweit. Wer bei Spotify ein Abo abschließt, bei Uber eine Fahrt bucht oder bei Zalando einkauft, nutzt an der Kasse die Systeme von Adyen. Seit der Gründung 2006 in Amsterdam ist die Firma damit zum internationalen Payment-Champion aufgestiegen. Aktueller Börsenwert: knapp 50 Milliarden Euro – eines der 50 wertvollsten Unternehmen Europas, fast in einer Liga mit dem US-Rivalen PayPal.

Den klassischen Banken das Zahlungsgeschäft streitig zu machen und damit sehr viel Geld zu verdienen, reicht Uytdehaage allerdings nicht. Er will wesentliche Teile des Geschäftskundenmarkts. „In zehn Jahren brauchen kleine und mittlere Unternehmen keine traditionellen Banken mehr“, prognostiziert er. Unternehmer würden Finanzservices wie Zahlungen, Konten oder Kredite dann im Paket mit ihrer Businesssoftware kaufen, die sie ohnehin nutzen. „Die Infrastruktur dafür bauen wir. Darin sehen wir die Zukunft.“

Das ist die Gegenthese zum US-Fintech-Theater. Stripe verkauft Entwicklerromantik, PayPal Marke und Checkout, Adyen eine einzige Plattform für Händler, die online, im Laden und auf Marktplätzen dasselbe Back-end wollen – unified commerce, ohne den Zoo aus Acquirern. Die Marge kommt aus dem Take-Rate auf Volumen, nicht aus Werbeclips. Amsterdam statt Silicon Valley, Profitabilität statt Dauerfinanzierungsrunden: Adyen ging 2018 an die Börse und blieb ein Liebling jener Investoren, die europäische Software mit Pricing-Power suchen.

Uytdehaages nächster Schritt folgt der Logik der Plattformen. Wer schon den Checkout von Uber oder Spotify betreibt, kann denselben Händlern Einlagen, Auszahlungen und Kreditlinien anbieten – eingebettet in die Software, mit der sie Bestellungen und Buchhaltung steuern. Adyen Capital und die Angebote für Plattformen zielen genau darauf: Der Marktplatz wird zur Bankfiliale, ohne Filiale. Für Sparkassen und Hausbanken ist das die unangenehmere Konkurrenz als eine weitere Neobank-App, weil die Kundenbeziehung über den Warenkorb läuft, nicht über das Girokonto.

Ob in zehn Jahren wirklich keine traditionelle Bank mehr nötig ist, darf man bezweifeln: Kredite brauchen Kapital, Einlagen Aufsicht, Betrug Abwehr. Uytdehaage formuliert eine Richtung, keine Prophezeiung mit Datum. Entscheidend ist, ob Adyen die Kredit- und Kontoschiene so konservativ fährt, wie es das Payment-Geschäft geprägt hat – oder ob der Vorstoß in Bankprodukte die Risiko-DNA verdünnt, die den 50-Milliarden-Euro-Status erst möglich machte.

Das hochprofitable Payment-Geschäft bleibt die Basis: Volumen, Take-Rate, wenige Ausfälle. Der Vorstoß zu Konten und Krediten für KMU darf diese DNA nicht verwässern. Uytdehaage formuliert bewusst gegen den Hype-Zyklus, in dem US-Rivalen Features ankündigen, bevor die Marge stimmt. Adyens Wette ist, dass europäische Händler genau das honorieren – und irgendwann Finanzprodukte dort kaufen, wo sie schon kassieren.

Europa hat wenige Techkonzerne dieser Größe, die im Tagesgeschäft unsichtbar bleiben und an der Börse sichtbar sind. Adyen will beides bleiben: stiller Abwickler und Infrastruktur für ein KMU-Banking, das nicht mehr wie Banking aussieht. Uytdehaage braucht dafür keine Hypes. Er braucht Händler, die ihre nächste Finanzentscheidung nicht in der Filiale treffen, sondern in derselben Konsole, in der sie schon heute kassieren. Kredit und Konto auf derselben Plattform, auf der schon der Checkout läuft – das ist für Sparkassen die unangenehmere Konkurrenz als jede Neobank-App, weil die Beziehung über den Warenkorb entsteht.