Der Turbokredit-Anbieter Iwoca sondiert den Exit

Das deutsch-britische Fintech von Gründer Christoph Rieche stieg zur profitablen Milliardenfirma auf. Sie gilt als einer der interessantesten Börsenkandidaten in einem zunehmend heißen Markt. Manche Investoren hoffen bereits auf einen baldigen Exit.
Christoph Rieche (46) kennt sich mit teuren Deals aus: Bei der Investmentbank Goldman Sachs beriet er einst internationale Konzerne zu Investmentstrategien. 2012 machte er sich dann zusammen mit James Dear (45) in London selbstständig. Ihr Fintech Iwoca wird von Investoren mittlerweile mit mehr als einer Milliarde Dollar bewertet. Nun steht der CEO offenbar abermals vor einer gewichtigen Strategieentscheidung: Wie lange soll er seinen Onlinekreditgeber noch so weiterführen?
Iwoca – der Name steht für „instant working capital“ – vergibt Betriebsmittelkredite an kleine und mittlere Unternehmen, und zwar deutlich schneller als klassische Hausbanken. Wer Umsatz nachweisen kann, bekommt oft binnen Stunden oder weniger Tage eine Zusage. Das Modell zielt auf den Teil des Mittelstands, den Filialbanken in den vergangenen Jahren mit immer aufwendigeren Prozessen und höheren Eigenkapitalanforderungen eher abgeschreckt als umworben haben. Großbritannien war der Heimatmarkt, Deutschland wurde zum zweiten Standbein. Genau diese Kombination aus Volumen, Technologie und einem greifbaren Kreditbedarf macht die Firma für Investoren so interessant.
Dass Iwoca dabei profitabel geworden ist, hebt das Unternehmen von vielen Fintech-Namen der Nullzinsjahre ab. Lange galt schnelles Wachstum als Tugend, schwarze Zahlen als optional. Inzwischen sortiert der Markt anders: Wer Kredite vergibt, muss Ausfälle tragen, Refinanzierung einkaufen und Aufsicht aushalten. Eine Bewertung von mehr als einer Milliarde Dollar bei nachweisbarer Profitabilität ist in diesem Umfeld selten. Sie erklärt, warum Iwoca zu den wenigen europäischen Kredit-Fintechs zählt, über die ernsthaft als Börsenkandidat gesprochen wird – und warum zugleich Käufer aus der Finanzindustrie ein Auge auf das Buch werfen könnten.
Der Markt für Mittelstandskredite ist in Bewegung. Banken halten sich bei kleineren Firmenkrediten oft zurück, Direktbanken und Spezialfinanzierer stoßen nach, Private-Credit-Fonds suchen Rendite jenseits der großen Leveraged-Buy-outs. Wer als Plattform Anträge standardisiert, Risikomodelle kalibriert und Kredite über Wholesale-Linien refinanziert, sitzt an einer Nahtstelle, die gerade teurer und begehrter wird. Ein Exit – ob über die Börse oder an einen strategischen Käufer – wäre in einem solchen Zyklus kein Zufall, sondern die logische Folge eines Geschäfts, das skalierbar und kapitalintensiv zugleich ist.
Für Rieche und Dear ist das keine akademische Frage. Beide haben das Unternehmen über mehr als ein Jahrzehnt geführt, durch Niedrigzinsen, Pandemie-Hilfskredite und den Zinsanstieg. Ein Börsengang würde Kapital für weiteres Wachstum bringen und frühen Geldgebern einen liquiden Ausstieg ermöglichen. Ein Verkauf könnte den Gründern und Investoren schneller einen Preis sichern, würde die Firma aber unter das Dach einer Bank oder eines Finanzinvestors zwingen. Beides sind teure Deals im Sinne des ehemaligen Goldman-Bankers: Bewertungen, Timing, Kontrolle.
Manche Investoren hoffen bereits auf den baldigen Schritt. Sie haben geduldig Kapital in einem Geschäft gebunden, das regulatorisch schwerer ist als eine Zahlungs-App und zugleich zyklischer als Software. Ein heißer Markt für Fintech-IPOs und Übernahmen erhöht den Druck, das Fenster zu nutzen, solange es offen ist. Gleichzeitig kann ein zu früher Exit die nächste Wachstumsstufe verschenken – gerade in Deutschland, wo der Mittelstandskredit noch immer fest in den Händen der Sparkassen und Volksbanken liegt.
Die Strategieentscheidung, vor der Rieche steht, lautet deshalb nicht, ob Iwoca ein relevantes Kreditinstitut geworden ist. Das ist es. Die Frage ist, ob der Onlinekreditgeber als unabhängige, profitable Plattform an die Börse gehen, sich einem Käufer öffnen oder noch eine Weile im bisherigen Tempo weiterlaufen soll. Für ein Fintech, das mit Turbokrediten groß wurde, wäre der Exit der langsamste und folgenreichste Deal.