Der stille Aufstieg des „Höhle der Löwen“-Start-ups Finanzguru

Der stille Aufstieg des „Höhle der Löwen“-Start-ups Finanzguru – FinanceFWD

Die Gründer der Finanz-App Finanzguru gelten als verschwiegen. Nun geben sie Einblicke in ihre Geschäftszahlen und ihre Wachstumspläne. Dabei setzen sie auf Altersvorsorge – und Toni Kroos.

Keine großspurigen Auftritte, keine dick aufgetragenen Botschaften. Alexander und Benjamin Michel (36) geben den leisen Tönen den Vorzug und gehören damit zu den Ausnahmen in der deutschen Fintech-Szene. Seit ihrem Auftritt in der Gründershow „Die Höhle der Löwen“ 2018, in der sie sich mit ihrer Haushaltsbuch-App ein Rekordinvestment von Carsten Maschmeyer (66) sicherten, haben sich die beiden rar gemacht. Die Michel-Zwillinge seien eben keine Showmänner, sagen diejenigen, die die beiden kennen. Während andere Gründer jede Finanzierungsrunde zur Bühne machen, verschwanden die Brüder nach dem TV-Coup fast vollständig aus der Öffentlichkeit.

Dabei haben die Brüder durchaus etwas vorzuzeigen. Finanzguru ist im Stillen zu einer festen Größe unter den deutschen Finanz-Apps herangewachsen – mit mehr als drei Millionen Nutzern und ordentlichem Umsatzwachstum. Und das alles, während andere mit einem ganz ähnlichen Geschäftsmodell inzwischen aufgegeben haben oder bestenfalls auf der Stelle treten. Haushaltsbuch, Kontenaggregation, Vertragsscan: Das Feld war nach dem PSD2-Boom voll. Viele Apps verbrannten Marketinggeld, ohne dass daraus ein zahlendes Abo oder ein Vermittlungsgeschäft wurde. Finanzguru ist geblieben.

Das Rekordinvestment Maschmeyers 2018 war der Startkredit der öffentlichen Wahrnehmung, nicht der Endpunkt. Die Zwillinge bauten weiter an einer App, die Kontobewegungen sortiert, Fixkosten sichtbar macht und Nutzerinnen durch den Alltag der Verträge führt – unspektakulär, klebrig, nah an einem Problem, das nicht verschwindet. Drei Millionen Nutzer sind in Deutschland für ein Consumer-Fintech eine Größe, die Reichweite bedeutet: Daten, Marke, ein Trichter, in den sich neue Produkte legen lassen. Genau dort setzen die nächsten Pläne an.

Altersvorsorge ist das Feld, das die Michels nun öffnen. Nach dem Haushaltsbuch folgt die längere Strecke: Vorsorge, die nicht in einem Monatsabo für Übersicht endet, sondern in Produkten, die über Jahre liegen. Der deutsche Markt dafür ist riesig, verteilt auf Versicherer, Fonds und Arbeitgeber – und digital noch immer unterentwickelt. Wer schon drei Millionen Menschen beim Blick aufs Girokonto begleitet, hat einen Vertrauensvorsprung, den klassische Lebensversicherer teuer einkaufen müssten. Finanzguru will ihn selbst hebeln.

Dazu kommt ein Gesicht, das niemand mit Haushaltsbuch-Software assoziiert: Toni Kroos. Der Weltmeister und langjährige Real-Madrid-Spieler steht für Ruhe, Präzision und einen Karriereabend, in dem Vermögensfragen real werden – eine Gegenfigur zum lautstarken Fintech-Gründer. Für die verschwiegenen Michel-Zwillinge ist Kroos keine Zufallswahl. Er verlängert die Marke ins Massengehirn, ohne dass Alexander und Benjamin selbst auf die Bühne müssen. Show macht der Fußballer. Das Produkt bleibt die App.

Maschmeyer, Kroos, drei Millionen Nutzer: Die Klammern sind prominent, der Ton der Gründer bleibt flach. Das ist kalkuliert. In einem Markt, in dem Haushaltsbuch-Konkurrenten gescheitert sind, wirkt Unterstatement wie ein Qualitätsversprechen. Ob die Altersvorsorge trägt, hängt nicht am Werbespot, sondern daran, ob sich aus der Nutzerschaft Abschlüsse rechnen – ohne die Leisetreter-Marke zu verbrennen, die Finanzguru von den Lautsprechern der Szene unterscheidet.

Die Michels haben nach der Höhle der Löwen den unglamourösen Weg gewählt und sind damit weiter gekommen als viele, die jede Runde gefeiert haben. Jetzt wollen sie aus dem stillen Aufstieg ein Vorsorgegeschäft machen, nach dem Haushaltsbuch die längere Strecke in der App. Mehr als drei Millionen Nutzer und ordentliches Umsatzwachstum geben ihnen das Recht, das zu versuchen. Toni Kroos soll helfen, dass man es auch außerhalb der Fintech-Blase merkt – ohne dass die Zwillinge selbst zu Showmännern werden.