Der Selbst-Bewertungstrick von Check24

Der Selbst-Bewertungstrick von Check24 – FinanceFWD

Das Vergleichsportal ist berüchtigt für aggressives Wachstum. Nun drängt es mit einem eigenen Produkt in den Strommarkt. Die Strategie soll KI-Angreifer wie ChatGPT auf Abstand halten.

Der Newcomer unter den grünen Stromanbietern macht auf den ersten Blick einen guten Eindruck. „Naturwerke“ bietet faire Preise, ein seriöses Ökostrom-Label und eine Kooperation mit der Umweltorganisation WWF. Mit Andreas Bach (48) leitet ein Branchenveteran aus der Energiewirtschaft das Unternehmen. Kein Wunder also, könnte man meinen, dass die Firma bei der Suche im Vergleichsportal Check24 wahlweise als „beliebtester Tarif“ oder als „Öko-Tipp“ auf den oberen Rängen landet.

Doch ein Detail fällt dabei durchweg unter den Tisch: Naturwerke ist kein unabhängiger Herausforderer, der sich gegen die Großen der Branche durchgesetzt hat. Es ist ein eigenes Produkt von Check24. Das Portal, über das Millionen Haushalte Tarife für Strom, Gas, Versicherung und Mobilfunk vergleichen, spielt damit einen Anbieter ganz vorn aus, der zum selben Konzern gehört. Der „beliebteste Tarif“ und der „Öko-Tipp“ sind keine neutralen Naturgesetze des Marktes, sondern Labels auf einer Plattform, die zugleich Vermittler und Verkäufer ist.

Das Muster kennt die Branche aus anderen Check24-Feldern. Das Unternehmen ist berüchtigt für aggressives Wachstum: Wer die Aufmerksamkeit der Vergleichenden kontrolliert, kann Provisionen verdienen – oder, noch besser, die Marge des Produkts selbst einstreichen. Im Strommarkt ist das besonders heikel. Der Wechsel ist für Kunden ein Vertrauensakt, Ökostrom-Siegel und Umweltpartner sollen Gewissen beruhigen. Wenn dasselbe Portal, das die Übersicht verspricht, den eigenen Grünstrom nach oben sortiert, verschwimmt die Grenze zwischen Beratung und Absatz. Bach als sichtbarer Energie-Geschäftsführer ändert an dieser Struktur nichts; er professionalisiert sie.

Strategisch hat der Vorstoß einen zweiten, kälteren Grund. Vergleichsportale leben davon, dass Menschen Suchen nicht selbst zu Ende denken. Genau das drohen KI-Assistenten wie ChatGPT zu übernehmen: „Finde mir den günstigsten fairen Ökostrom“ beantwortet ein Sprachmodell ohne den Umweg über Banner, Sterne und Partnerlogos. Wenn die Suche zur Konversation wird, verliert Check24 den wertvollsten Rohstoff – den Klick auf die eigene Rangliste. Ein eigenes Produkt im Strommarkt ist deshalb mehr als eine weitere Vertikale. Es ist ein Versuch, vom Vermittler zum Versorger zu werden, dessen Erlös nicht verschwindet, wenn die nächste Generation ihre Tarife einem Chatbot diktiert.

Der Strommarkt ist dafür das ideale Übungsfeld. Tarife sind erklärungsbedürftig, Wechselangst ist hoch, Siegel ersetzen Fachwissen. Ein Portal, das Ranglisten baut und zugleich den Lieferanten stellt, kann Abschlussquoten intern optimieren, ohne dass der Kunde den Interessenkonflikt sieht. KI-Assistenten werden genau diese Intransparenz früher oder später vorlesen: Wer gehört wem, wer verdient an welchem Klick? Check24 muss die eigene Antwort liefern, bevor ChatGPT sie formuliert.

Ob Naturwerke am Markt ohne die Schubkraft des Portals bestehen würde, ist die Probe aufs Exempel. Faire Preise, ein anerkanntes Label und die WWF-Kooperation sind echte Verkaufsargumente. Sie erklären aber nicht allein, warum derselbe Anbieter auf Check24 so regelmäßig in den markierten Spitzenplätzen auftaucht. Kunden, die den Vergleich als unabhängige Instanz verstehen, erfahren das Konzernverhältnis oft nicht im ersten Blick. Genau dieses Detail fällt unter den Tisch.

Check24 hat den deutschen Vergleichsmarkt über Jahre mit Härte gewonnen. Der Griff nach dem eigenen Stromkunden ist die nächste Eskalation: weniger Abhängigkeit von Provisionen, mehr Kontrolle über das Produkt, ein Schutzgraben gegen KI. Für Verbraucher bleibt die einfache Frage, die jedes Portal beantworten können sollte – und die hier unbequem ist: Wer wird hier eigentlich verglichen, und wem gehört der Tipp auf den oberen Rängen, wenn Naturwerke und Check24 dieselbe Adresse haben?