Der Kampf der Steuer-App Taxfix gegen den KI-Tod

Der Kampf der Steuer-App Taxfix gegen den KI-Tod – FinanceFWD

Das Berliner Fintech Taxfix stieg mit seinem digitalen Steuerlotsen zum Einhorn auf. Inzwischen helfen auch gängige Chatbots bei der Steuererklärung. Kann CEO Martin Ott sein Geschäft gegen ChatGPT, Claude und Co. verteidigen?

Es ist ein Satz, der Martin Ott (48) nicht gefallen kann: „Immer mehr Amerikaner nutzen ChatGPT für Fragen rund um die Steuererklärung“, ließ die KI-Supermacht OpenAI vor ein paar Wochen verlauten. Die Zahl entsprechender Anfragen sei allein im ersten Quartal um 300 Prozent gestiegen. Daten für Deutschland nannte das Unternehmen nicht. Doch klar ist: Auch hierzulande hilft der KI-Assistent schon bei Steuerthemen.

Für Ott, seit knapp fünf Jahren CEO des Berliner Fintechs Taxfix, ist das eine unbequeme Nachricht. Sein Team von mehr als 400 Mitarbeitenden lebt von der digitalen Steuerberatung. Mit seiner App, die Nutzer durch den Fragendschungel lotst, galt Taxfix einst als deutsche Start-up-Hoffnung. Im April 2022, gut sieben Monate vor dem Start von ChatGPT, kam die Firma noch auf eine Milliardenbewertung, gestützt von Starinvestoren wie Index Ventures, Peter Thiels (58) Valar Ventures und dem schwedischen Risikokapitalgeber Creandum.

Die Ironie der Zeitachse ist schwer zu überbieten. Taxfix wurde zum Einhorn, weil es die deutsche Steuererklärung in eine Abfolge verständlicher Fragen übersetzte – ein Produkt gegen Formulare, Fristen und die Angst vor dem Finanzamt. Dann kam ChatGPT, und plötzlich kann ein allgemeiner Assistent auf dem Handy erklären, was Werbungskosten sind. Claude, Gemini und die übrigen Modelle ziehen nach. Der digitale Lotse, einst die Innovation, trifft auf Software, die keine Steuer-App ist und trotzdem Steuern erklärt.

Ott muss daraus kein Todesurteil machen, aber einen Verteidigungsplan. Eine Steuer-App verdient Geld, wenn sie die Erklärung nicht nur erklärt, sondern abgibt, prüft, mit Vorjahren verknüpft und im Zweifel gegenüber dem Finanzamt besteht. Chatbots halluzinieren, kennen den konkreten Bescheid nicht und haften nicht. Genau darin liegt der verbliebene Graben: Elster-Anbindung, Fachlogik, Haftung, der letzte Klick. Mehr als 400 Leute in Berlin und anderswo pflegen diese Strecke. Ein Sprachmodell ersetzt sie nicht per Screenshot.

Trotzdem frisst die KI die Einstiegsdroge. Wer früher Taxfix öffnete, weil er nicht wusste, wo das Kindergeld hingehört, fragt heute zuerst den Bot. Die App wird vom Lotse zum Erfüllungsgehilfen – nützlich, aber weniger magisch. In den USA, wo OpenAI den 300-Prozent-Sprung vermeldet, sind Steuererklärungen anders gebaut als in Deutschland. Hierzulande bleiben Anlage KAP, häusliches Arbeitszimmer und die Eigenheiten der Abgabenordnung sperrig genug, um Spezialsoftware zu rechtfertigen. Der Vorsprung schrumpft trotzdem, sobald die Modelle besser werden und Banken oder der Staat eigene Assistenten vorschalten.

Dazu kommt der deutsche Sonderweg: Elster, Identifikation, vorausgefüllte Erklärung, die Eigenheiten von Arbeitnehmern mit Aktien, Homeoffice und Kind. Eine allgemeine KI kennt das Muster, nicht den Bescheid. WISO, Steuerberater und die App des Finanzamts bleiben Wettbewerber – ChatGPT ist nur der neue, kostenlose. Ott muss Taxfix als die Stelle positionieren, an der aus einer guten Antwort eine abgegebene, prüfbare Erklärung wird. Sonst bleibt das Einhorn eine teure Benutzerführung für ein Formular, das der Bot schon erklärt hat.

Die Investoren von 2022 haben eine Milliarde für ein Quasi-Monopol auf verständliche Steuererklärungen bezahlt. Das Monopol gibt es nicht mehr. Index, Valar und Creandum sitzen in einem Asset, das sich gegen kostenlose KI-Hilfe behaupten muss, ohne in einen Preiskampf um jeden Hinweis zu geraten. Ott, der das Unternehmen seit knapp fünf Jahren führt, war als Manager für Skalierung geholt worden, nicht für eine existenzielle Produktfrage.

Der Kampf gegen den KI-Tod entscheidet sich daran, ob Taxfix der Ort bleibt, an dem die Erklärung wirklich fertig wird – oder nur noch die teure Alternative zu einem Chatfenster. Die Amerikaner haben OpenAI die Richtung gezeigt. Ott muss beweisen, dass der deutsche Steuerlotse mehr ist als eine nette Benutzerführung, die sich wegapplizieren lässt.