Amazon und ING frieren Partnerschaft ein

Die Großbank ING wollte mithilfe von Amazons Firmenkartei im Business-Banking in Deutschland durchstarten. Doch die Hoffnungen haben sich nicht erfüllt. Jetzt ist Schluss – und der US-Gigant hat bereits einen Ersatz.
Die Trennung kam, wie es sich im Bankgeschäft gehört: diskret. Noch im Mai hatte Amazon seinen deutschen Kreditpartner ING in höchsten Tönen gelobt. Dessen Finanzierungsangebot für Amazon-Händler sei „super einfach und unbürokratisch“, hieß es auf der Website des US-Konzerns. Inzwischen ist die Lobeshymne gelöscht – und die ING stillschweigend aus dem Kleingedruckten verschwunden.
Die Partnerschaft zwischen dem größten Onlinehändler und der größten Onlinebank Deutschlands ist vorerst beendet. Nach Informationen von FinanceFWD hat die Direktbank ihre Kunden vor etwa zwei Wochen über das Aus informiert. „Wir überarbeiten derzeit unser Finanzierungsangebot für Amazon-Händler grundlegend und bieten daher vorerst keine neuen Kredite und Kreditlinien mehr über den Marketplace an“, bestätigte ein ING-Sprecher auf Nachfrage. Die Bank halte sich offen, ob es überhaupt weitergehe.
Das Modell klang auf der Folie zwingend. Amazon kennt Umsätze, Retouren, Lagerreichweite seiner Händler besser als jede Hausbank. Die ING sollte daraus Kreditlinien machen – eingebettetes Lending direkt im Seller Central, ohne Filialtermin. Für die Bank war es der Hebel, im deutschen Firmenkundengeschäft hinter dem Girokonto der Privatkunden aufzuschließen. Für Amazon war es ein Klebstoff: Händler, die über die Plattform finanziert werden, bleiben eher im Ökosystem. In der Praxis blieb das Volumen hinter dem zurück, was eine Großbank für den Aufwand an Risiko, Compliance und Schnittstellen braucht.
Marketplace-Kredite sind kein risikoloses Massengeschäft. Seller-Margen schwanken, Inventar veraltet, Werbebudgets fressen Cash, Algorithmus-Änderungen kippen Umsätze über Nacht. Wer schnell zusagt, kauft Schadensfälle; wer streng prüft, verliert den Vertriebsvorteil gegenüber Fintechs, die in 24 Stunden auszahlen. Die ING hat den Spagat offenbar nicht in die eigene Risikotragfähigkeit bekommen – oder strategisch beschlossen, Kapital und Aufmerksamkeit woanders zu binden. Der Sprecher spricht von grundlegender Überarbeitung, nicht von einem triumphierenden Ausbau.
Amazon lässt die Lücke nicht lange offen. Der Konzern hat bereits einen Ersatzpartner im Blick, um das Credit-Brokerage im Händlerportal weiterzubetreiben. Für Verkäufer bedeutet das Unsicherheit in der Übergangsphase: bestehende Linien laufen nach den alten Verträgen, Neugeschäft ist gestoppt, die nächste Adresse steht noch nicht als fertiges Produkt in Seller Central. Genau solche Brüche kosten Vertrauen in einem Kanal, der „unbürokratisch“ als Verkaufsargument genutzt hat. Wer Ware vorfinanziert und Werbeplätze bei Amazon bucht, kann eine Kreditpause schlechter aussitzen als eine Filialbank-Absage. Genau deshalb war die Partnerschaft einmal so attraktiv – und genau deshalb wiegt ihr stilles Ende schwerer als eine höfliche Sprecherformel.
Marketplace-Kredite bleiben trotzdem logisch: Die besten Daten liegen beim Plattformbetreiber. Gescheitert ist in diesem Fall nicht die Idee, sondern die Passung zwischen Amazons Tempo und der Risikotragfähigkeit einer Direktbank, die im deutschen Firmenkundengeschäft keine Experimente unbegrenzt durchhalten will. Der US-Konzern sucht den nächsten Bilanzpartner. Händler suchen vor allem eines – eine Linie, die nicht mitten im Quartal verschwindet.
Embedded Finance auf Marktplätzen bleibt trotzdem der logische Weg, KMU zu finanzieren. Die Daten liegen beim Plattformbetreiber, nicht bei der Sparkasse um die Ecke. Scheitern tut die Idee selten an der Theorie, sondern an der Bank, die das Kreditrisiko tragen soll. Die ING hat den Test in Deutschland abgebrochen, bevor er zur Größe wurde, und lässt offen, ob sie überhaupt zurückkehrt. Amazon sucht den nächsten Bilanzpartner. Ob der stiller, hungriger oder nur naiver ist, wird das Kleingedruckte zeigen – sobald dort wieder ein Name steht. Bis dahin bleibt von der einst gelobten Partnerschaft vor allem eine Lücke im Seller Central.