Aktienbroker bereiten sich auf „größeren Boom als bei Corona“ vor

Aktienbroker bereiten sich auf „größeren Boom als bei Corona“ vor – FinanceFWD

Der Bundestag hat ein staatlich gefördertes Altersvorsorgedepot beschlossen. Banken und Neobroker wittern einen ETF-Boom mit zehn Millionen neuen Kunden – doch es droht auch ein knallharter Wettbewerb. Der Countdown zum Megageschäft hat begonnen.

Bei den deutschen Aktienbrokern ist die Stimmung in diesen Tagen so euphorisch wie lange nicht mehr. Die Branche stehe „beim Thema Rente am Beginn eines echten Kulturwandels“, sagt Trade-Republic-Gründer Christian Hecker (36). Die vom Bundestag beschlossenen Reformen seien „eine ganz große Sache“, befindet Florian Prucker (43), Mitgründer und Chef von Scalable Capital. Und ING-Deutschlandchef Lars Stoy (53) spricht gar von einem „echten Paradigmenwechsel“.

Die Ursache für den Gleichklang ist selten so klar. Der Bundestag hat ein staatlich gefördertes Altersvorsorgedepot auf den Weg gebracht: Wertpapiere, vor allem ETFs, als organisierte private Vorsorge statt der alten Garantielogik. Wer bisher Riester als teuer, starr und renditeschwach erlebt hat, soll künftig in einem Depot sparen, das Kapitalmärkte nicht als Risiko, sondern als Werkzeug behandelt. Für Broker ist das die größte Adressliste, die der Staat je verteilt hat – potenziell zehn Millionen neue Kunden, die nicht aus Spaß an der Aktie kommen, sondern weil die Rente eine Lücke hat.

Der Countdown zum Megageschäft hat begonnen, weil zwischen Gesetz und erstem besparten Euro noch die Umsetzung liegt. Depots müssen zertifiziert, Steuerlogik gebaut, Auszahlungsphasen modelliert, Apps erklärt werden. Wer zuerst einfach, günstig und verständlich ist, holt die Unentschlossenen. Genau darin liegt der knallharte Wettbewerb. Trade Republic und Scalable Capital leben von der Reibungslosigkeit der Sparpläne. Die ING hat das Girokonto und die Breite. Sparkassen und Versicherer werden das Produkt nicht kampflos den Neobrokern überlassen, nur weil Hecker von Kulturwandel spricht.

Zehn Millionen Kunden sind eine Branchenhoffnung, keine Garantie. Viele Deutsche haben kein Depot, weil sie keines wollten, nicht weil es an einem Gesetz fehlte. Förderung senkt die Hürde, ersetzt aber nicht Erklärung und Vertrauen. Der Paradigmenwechsel, den Stoy ausruft, findet nur statt, wenn sich das Verhalten ändert: monatlich ETFs statt einmal Lebensversicherung. Das ist ein Bildungs- und ein Vertriebskampf zugleich. Wer ihn mit Kosten und Intransparenz belastet, wiederholt Riester unter neuem Namen.

Für die Neobroker ist die Reform die Chance, vom Trading-Image in die Lebensrealität zu rücken. Altersvorsorge ist langfristig, politisch geschützt, weniger zyklisch als der nächste Meme-Trade. Für die ING und die Filialbanken ist sie die Chance, das Depot wieder zur Hausbankbeziehung zu machen. Alle zitieren denselben Beschluss und meinen verschiedene Gewinner. Der ETF-Boom, den sie wittern, wird ein Verteilungskampf um Zulagen, Standardprodukte und die Frage, wessen App die Erste ist, die Großeltern und Enkel gleichermaßen verstehen.

Der Boom, den die Branche rechnet, ist ein Depotboom, kein Tradingboom. Monatliche Sparraten, Zulagen, lange Haltedauern: genau das Geschäft, das Neobroker skalieren können, ohne auf den nächsten Kurssprung zu hoffen. Gleichzeitig wird der Staat Mindeststandards setzen – Kosten, Aufklärung, womöglich ein Standardprodukt. Wer nur über Marketing holt und über Gebühren verdient, fliegt bei der ersten unabhängigen Bewertung auf. Der knallharte Wettbewerb beginnt bei den Konditionen, nicht beim Zitat.

Hecker, Prucker und Stoy haben recht, dass der Beschluss groß ist. Ob er zehn Millionen Depots füllt, hängt nicht mehr am Bundestag, sondern an Gebühren, Beratung und der Disziplin, das Produkt nicht totzukomplizieren. Der Kulturwandel beginnt mit einem Gesetz. Das Megageschäft beginnt, wenn jemand daraus eine Rente macht, die sich anfühlt wie ein Sparplan – und nicht wie ein neues Formular. Der Countdown läuft. Die Euphorie muss sich in Depots niederschlagen.